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Warum ich Psychiater wurde

Prof. Dr. Gerhard Längle im Interview

 

Der Medizinische Direktor des ZfP Südwürttemberg, Professor Dr. Gerhard Längle, ist auf Umwegen und eher zufällig zur Psychiatrie gekommen. Und würde heute unter keinen Umständen mehr tauschen.


Wollten Sie schon immer Psychiater werden?
Gerhard Längle: Nein, diese Entscheidung fiel erst mit 33 Jahren. Nach dem Abitur und einem Freiwilligen Sozialen Jahr begann ich Sozialpädagogik und später Geschichte und Biologie fürs Lehramt zu studieren, wurde zum Zivildienst verpflichtet und bestand schließlich den Medizinertest, der mir den Zugang zu meinem Wunschstudium ermöglichte.

 

Und da faszinierte Sie die Psychiatrie besonders?
Längle: Zunächst fasste ich Betriebsmedizin ins Auge. Daran faszinierte mich die Tatsache, dass Betriebsärzte nah an den Menschen arbeiten, nah am Alltag sind, Jüngere und Ältere gleichermaßen zu Gesicht bekommen, in Notfällen helfen. Ich wollte nie ausschließlich heilend tätig sein. Schon immer hat es mich gereizt, Verhältnisse zu gestalten, unter denen Patienten nicht krank oder zumindest schneller gesund werden.

 

Wann kamen Sie dann mit der Psychiatrie in Kontakt?
Längle: Schon früh. Ich habe meine Kindheit und Jugend in den 60er Jahren als Sohn des Ärztlichen Direktors auf dem Gelände eines psychiatrischen Krankenhauses verbracht. Ich habe also von Kindesbeinen an Psychiatrie in ihrer Vielfalt erlebt und kenne daher keine Berührungsängste. Im Studium und auf dem Weg zum Betriebsarzt wollte ich mich als Allgemeinmediziner fachlich qualifizieren, musste Innere Medizin und Chirurgie belegen und wollte noch zwei Jahre in der Psychiatrie Kenntnisse sammeln.

 

Die Psychiatrie ließ Sie fortan nicht mehr los. Was genau ist denn die Kernaufgabe dieser Disziplin?
Längle: Als Psychiater behandeln und unterstützen wir Menschen in seelischen Krisen. Ich verstehe mich dabei als Berater und Begleiter, niemals aber als Bestimmer oder Bevormunder, der allein weiß, was richtig ist.


Braucht eigentlich jeder Psychiater eine Couch?
Längle: Das ist natürlich das alte Klischee, das seit Sigmund Freud in Zusammenhang mit unserem Beruf auftaucht. In der Tat müssen wir aber zuhören und nachfragen können. Meine Patientinnen und Patienten sitzen in der Regel auf einem bequemen Stuhl.

 

Was ist schwierig an Ihrem Beruf?
Längle: Nun, schwierig möchte ich es nicht nennen. Die besondere Herausforderung ist aber, dass wir uns täglich auf neue Situationen und menschliche Begegnungen einstellen müssen. Ich sehe Junge und Alte, körperlich Kranke und Gesunde. In der Behandlung bin ich stets als ganzer Mensch gefordert. Ich kann mich nicht auf die Rolle des "Weißkittels" zurückziehen sondern muss in die Interaktion gehen.


Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, der den Beruf des Psychiaters oder der Psychiaterin ergreifen will?
Längle: Junge Kolleginnen und Kollegen, die unseren Beruf anstreben, sollten sich für Menschen interessieren, sie mögen und Freude an Abwechslung haben. Auch ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand ist hilfreich. Den Rest kann man lernen.