Erstmalig gezeigt wurde in Bad Schussenried das Theaterstück „Leube – Eine Frage des Gewissens“. Verfasst und inszeniert wurde es von Theaterpädagoge Alexander Marx-Pabst; das Ensemble bestand aus Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten des ZfP Südwürttemberg. Im Mittelpunkt der Inszenierung stand die Geschichte des evangelischen Pfarrers Karl Leube, der während der NS-Zeit in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried tätig war und miterleben musste, wie seine Pfleglinge 1940 mit den sogenannten „Grauen Bussen“ nach Grafeneck gebracht und dort ermordet wurden. Das Stück stellt eindringliche Fragen nach Gewissen, Verantwortung und Zivilcourage.
Vor der Premiere hatte Regionaldirektorin Dr. Bettina Jäpel die öffentliche Gedenkveranstaltung eröffnet: Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels sei es unerlässlich, sich entschieden gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit zu stellen. „Erinnern heißt, aus der Geschichte zu lernen und daraus Konsequenzen für unser heutiges Handeln zu ziehen.“ Theresia Fischer, katholische Klinikseelsorgerin am ZfP-Standort Bad Schussenried, sprach ein abschließendes Gebet und mahnte in ihrer Ansprache, den Glauben an Menschlichkeit und Mitgefühl nicht zu verlieren.
In Zwiefalten wirkten traditionell wieder Schulklassen bei der Ausgestaltung der Feier mit. Der Mittelkurs der Berufsfachschule für Pflege im ZfP beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der Geschichte der Pflege während der NS-Zeit und heute. Auch die Klasse R10 der Münsterschule Zwiefalten hatte sich im Unterricht umfassend mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Prof. Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor Alb-Neckar im ZfP, ging in seiner Ansprache auf die politische Lage in den USA ein. Dort würden derzeit Hass gegen Migrant:innen und diejenigen, die „nicht zum Volk gehörten“, geschürt. Diese Entwicklung wollen rechte Parteien in Europa ebenfalls vorantreiben. „In einer solchen Gesellschaft wird Vielfalt begrenzt“, sagte Längle. Zum Abschluss gingen alle Teilnehmenden, darunter auch Zwiefaltens Bürgermeisterin Alexandra Hepp und Pastoralreferentin Hildegard Jakob, gemeinsam zur Kranzniederlegung am ehemaligen Anstaltsfriedhof beim Württembergischen Psychiatriemuseum.
Mit Ansprachen und einer Kranzniederlegung am Denkmal der grauen Busse wurde in Weissenau der 691 Frauen, Männer und Minderjährigen gedacht, die als Patientinnen und Patienten der ehemaligen Heilanstalt in den Jahren 1940 und 1941 in den Vernichtungsstätten Grafeneck und Hadamar ermordet wurden.
Dr. Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg sagte: „Laut dem bulgarischen Philosophen Ivan Krastev ist die am schlechtesten bewachte Grenze jene zwischen Demokratie und Diktatur. Und ja, Demokratie ist leider nicht der Normalfall – sie ist kein Urzustand, im Gegenteil. Deshalb muss die Demokratie verteidigt werden. Wir hier in Deutschland können stolz darauf sein, dass wir unsere diktatorische Vergangenheit aufarbeiten und uns der Schuld stellen. Doch damit das so bleibt, müssen wir auch die jungen Menschen erreichen; denn das Wissen um unsere Geschichte ist wichtig für ein demokratisches Bewusstsein.“ Prof. Dr. Thomas Müller, Leiter der Abteilung Bildung und Wissen sowie des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik der Medizin, sprach daraufhin für das ZfP Südwürttemberg: „Vor dem Hintergrund, dass es durch medizinisches Personal verübte Verbrechen bis heute gibt, ist unsere Erinnerungskultur nach wie vor sinnvoll. Sie ist kein lästiges Gut, sondern gelebte Praxis, die sich verändern darf und dies auch tut. Und die unsere Haltung zum Ausdruck bringt, dass es ethische Richtlinien gibt, an die es sich zu halten gilt.“