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Interview Fachkräftemangel: gelassen bleiben dank guter Planung

Das Gesundheitswesen gilt als relativ sichere Branche, trotzdem werden Ärzte und Pflegekräfte händeringend gesucht. Warum?


Dr. Dieter Grupp: Das Hauptproblem ist die demografische Entwicklung. Es gibt weniger junge Menschen. Und der an sich wünschenswerte hohe Anteil an Frauen, zum Beispiel im Arztberuf, bedeutet wegen der Familienphase meist eine kürzere Lebensarbeitszeit. Der Bedarf an Fachpersonal wächst außerdem erheblich. Um den Bedürfnissen nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerecht zu werden, werden in vielen Unternehmen neue und kürzere Schichtmodelle eingeführt. Dadurch ist allein der Bedarf an Ärzten um 25 Prozent gestiegen. Und da fehlt es dann an jungen Menschen, die nachrücken.


Ist denn der Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen für junge Menschen so unattraktiv?


Grupp: Grundsätzlich ist die Psychiatrie vor allem bei Ärzten nicht unbedingt die erste Wahl. Viele Ärzte streben langfristig auch eher eine Management-Position an, mit geregelten Zeiten und einer anderen Arbeitsbelastung und -verantwortung. In der Pflege spielt natürlich die Bezahlung eine große Rolle.

 

Die Zeitungen berichten über Kliniken, die Ärzte im Ausland anwerben. Muss auch das ZfP in diese Richtung denken?


Grupp: Auch wir planen voraus und intensivieren Kontakte ins Ausland.  Allerdings muss man das Thema etwas relativieren: Es herrscht für mein Empfinden noch kein akuter Fachkräftemangel. Bei uns im ZfP Südwürttemberg sind wir sehr gut besetzt, sowohl mit Ärzten als auch mit Pflegekräften. Die Branche fürchtet eher, dass es immer schlimmer wird. Wir merken auch, dass die Bewerberzahlen zurück gehen. Wichtig ist deshalb, rechtzeitig zu reagieren und schon jetzt vorzubeugen, bevor es dramatisch wird.


Was haben Sie sich konkret einfallen lassen?


Grupp: Wir versuchen, auf unsere Mitarbeitenden einzugehen, indem wir sie zum Beispiel in den verschiedenen Lebensphasen begleiten. Wer einen Angehörigen pflegen muss, bekommt Hilfe von erfahrenen Pflegekräften und kann seine Arbeitszeit anpassen. Wer beruflich nach einer neuen Herausforderung sucht, wird bei Weiterbildungen oder Aufbaustudiengängen gefördert. Wer eine Familie plant, kann sich darauf verlassen, im Anschluss an die Elternzeit wieder einsteigen zu können und wird während der Auszeit und beim Wiedereinstieg intensiv begleitet. Und durch unsere Teilzeitmodelle auch auf Führungsebene können Eltern mit Kind noch an eine Karriere denken. Diese individuelle Planungsmöglichkeit spiegelt sich auch bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wieder: Viele beginnen bei uns eine Ausbildung und arbeiten hier bis zum Rentenalter.

 

Sie stehen dem (drohenden) Fachkräftemangel also eher gelassen gegenüber?


Grupp: Ja, wie gesagt muss man rechtzeitig handeln, und das tun wir. Und es gibt auch positive Entwicklungen, die man nicht außer Acht lassen darf. Zum Beispiel den Wertewandel, der sich in der Gesellschaft abzeichnet. Galten früher ein hohes Einkommen und Status als wichtigste Ziele, gewinnen heute Begriffe wie Solidarität und Nachhaltigkeit an Bedeutung. Soziale Werte und die Sinnhaftigkeit im Beruf spielen wieder eine wichtige Rolle. Man will im Leben etwas bewegen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten und nicht nur Renditen produzieren.


In den Medien wird immer mal wieder provokant die Frage diskutiert, ob junge Menschen einfach faul sind, weil sie sich nicht von morgens bis abends abarbeiten wollen.


Grupp: Ich würde das nicht als Faulheit bezeichnen. Im Gegenteil. Wer sich Zeit für sich selbst nimmt, fühlt sich besser und leistet mehr. Gerade für unsere Arbeit in der Psychiatrie ist das wichtig, denn nur wer selbst ausgeglichen und gesund ist, kann kranken Menschen helfen. Deshalb fördern wir diese Haltung, indem wir mit einer Work-Life-Balance-Kultur stärker auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingehen.